rauschhaus(1)

Manifest rauschhaus(1)

Wie der Zwerg auf den Schultern des Riesen glauben wir mehr wahrzunehmen als unser Träger; doch es heißt wir sähen nur andere Zwerge auf den Schultern anderer Riesen und die Gefahr erscheint groß, dass uns das Bündel an Konventionen und Referenzen auf unserem Rücken uns aus erhabener Position stürzen lässt.

Wir bewegen uns in einer Welt, in der alles schon dagewesen zu sein scheint. Uns wurde gelehrt, wir bewegten uns in einem Feld von Bezügen und Verquickungen zu vergangenen Ausdrücken und Sprachen, die alles Neuentstehende zu unterminieren drohen.

Wann immer wir um neuen Ausdruck ringen, bleiben wir in altem Vokabular hängen; alles was wir gestalterisch in die Hände nehmen bleibt nur ein Teil der uns umgebenden Vielgestalt, das schon tausende vor uns in Händen gehabt haben.

Wenn wir neues Schaffen wollen, einen neuen Ausdruck erproben wollen müssen wir uns von den Partialitäten und Partikularitäten lösen – unsere Wahrnehmung der Welt überschreiten, Differenziertheit zu Gunsten von Komplexität aufgeben.

Das Entstehen von neuen Ausdrucksformen ist nur im Zulassen des Wirren, Chaotischen und Ungeformten möglich – im Nicht-Beherrschen des sich entwickelnden neuen Vokabulars. Wir müssen uns in den Rausch des Lebens werfen zum Ziele eines neuen Zusammensetzens von Wirklichkeit.

Der Rausch ist der Modus, der die uns beherrschenden Sinnzusammenhänge überschreitet und in eine andere Ordnung überträgt; ein Wahrnehmungszustand, der nur auf Wahrnehmung ausgerichtet ist – ein ästhetisches Prinzip des Zurückführens auf unmittelbares, sensitives Erleben.

Künstlich herbeigeführter Rausch ist nur eine Kategorie dieser Erfahrungswelt. Rauschhaftes Wahrnehmen ist viel mehr! Es lehrt Fülle und Vielgestalt zu erleben, zwingt uns durch Bewußtwerden von Simultanität in die unmittelbare Unmittelbarkeit momenthaft gesteigerter Gegenwartserfahrung, Komplexität wird darin greifbar ohne sie reduzieren und deduzieren zu müssen. Der Rausch erlaubt uns ein Spiel zu beginnen, das jegliche unser Denken strukturierende Differenzen aufhebt, unser Begehren nach Paradoxien steigert, die Lust am Kontrollverlust anregt, unser Ich entgrenzt, unsere Wirklichkeit entgrenzt, unsere Wahrnehmung entgrenzt, Befreiung von Konvention, Sehnsucht nach Einheit in der Vielheit – Alles ist Eins und Eins ist Alles; Alles ist Nichts und Nichts ist Alles.

Rausch ist ist Erfahrung von Transzendenz und Immanenz; im Sich-Stürzen in die Fülle ahnen wir die Existenz des Ur-Einen. Eine Ahnung die Ahnung bleiben will, die Ungestalt bleiben will, denn Rausch ist Interessenlosigkeit, Abkehr von zweck- und zielorientiertem Handeln, eine Apologie der Sprachlosigkeit und Irrationalität.

Wenn wir neues erschaffen wollen müssen wir eins werden mit dem Rausch – unser Ausdruck muss Rausch werden, unser Darstellen und Dargestelltes muss Rausch werden, unser Erleben muss Rausch werden.

Wir müssen bereit sein uns zu öffnen, gewohntes abzustreifen, das Leben als Rausch anzunehmen; nicht nur das Wort Rausch begreifen, sondern sich in dem Wort begreifen.

Es lebe Dionysos!

Manifestrauschen

manifestrauschen.wav

Eine Lesung des rauschhaus(1)-Manifestes von Volker Krieger.

Deckblatt rauschhaus(1)-Heft

Deckblatt des rauschhaus(1)-Heftes von Norbert Umsonst

Auszug aus der persönlichen rauschhaus(1)-Dokumentation von Norbert Umsonst.

Überarbeitung Manifest rauschhaus(1)

 

Die Ausstellungskonzeption des rauschhauses leitet sich vom Begriff des Rausches als Modus der Wahrnehmung ab: die Vielfalt verschiedener künstlerischer Ausdrücke werden in Verschränkung und Gleichzeitigkeit zum Ausdruck gebracht; der Besucher soll zum Verweilen und Entdecken eingeladen werden, um selbst im Erleben in einen Zustand des Rausches zu verfallen.

Grundlegende Bedeutung liegt in dem Bestreben die Interaktion und Vernetzung von Künstlern, über Disziplingrenzen und über den Zeitraum des rauschhauses hinaus, zu fördern. Daher begreift es sich nicht nur als Produktions-, sondern auch als Kommunikationsraum, in dem Ideen entstehen und ausgetauscht, gemeinsames Reflektieren und Arbeiten erprobt werden können.

Das rauschhaus(2) bespielte 6 Wohnungen dieses Grundrisses in der Gießener Dulles-Siedlung.Eine den Ausstellungen vorangehende Arbeitsphase und die Offenheit der Örtlichkeit ergeben einen Produktionsraum für künstlerische Prozesse, jenseits persönlicher und akademischer Beschränkungen. Die temporäre Auseinadersetzung in anderer Umgebung und in Austausch mit anderen Künstlern, lädt ein Ungewohntes zu erproben.

Das rauschhaus begreift sich als Gesamtkunstwerk in dem alle künstlerischen Partizipationen sowohl für sich, als auch als Teil des Ganzen betrachtet werden. Das beginnt bei einer gemeinsamen thematischen Auseinandersetzung, die nicht bloß dargestellt, sondern im Ganzen erlebbar gemacht werden soll, geht über die Betonung des Prozesshaften künstlerischer Produktion und mündet in die Konzeption der Ausstellung.

Das rauschhaus konzipiert Ausstellungen über Disziplingrenzen hinweg. Es versucht verschiedene Elemente künstlerischer Produktion zusammen zu führen: Malerei, Performace, Plastik, Tanz, Installation, Musik, Photographie, Videokunst. Zum Ziele der Enthierarchisierung von Disziplinen, um statische Ausstellungs-konventionen zu durchbrechen und um vielfältige Ausdrucksformen zusammenzuführen für ein Befruchten der jeweiligen künstlerischen Auseinandersetzung.

Das rauschhaus ist immer ein zeitlich begrenztes Ausstellungsprojekt. Die Beschränkung des Ausstellungszeitraums auf einige Tage oder nur eine Nacht, legt den Focus auf den Moment des Erlebens.

Das rauschhaus versteht den Begriff „Kuration“ im Sinne des lateinischen Wortes curare = sich kümmern, pflegen in dreifacher Hinsicht. (1) Dem Künstler gegenüber: es schafft einen offenen Raum für Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerischen Arbeit im sozialen Austausch.(2) Den Arbeiten gegenüber: da die Produktionen ausschließlich für die Ausstellung im rauschhaus entstehen, gilt es diese, im Sinne eines Gesamtkunstwerkes, in das Gefüge einzubinden, wobei das Prinzip der Kuration darin besteht, die einzelnen Arbeiten im Sinne des Gesamten mitzuentwickeln. (3) Dem Besucher gegenüber: durch spezifische Konzeptionen und eine ungewohnte Art der Kunstdarbietung, sollen Grenzen von Ausstellungskonventionen überschritten werden.

Die Gießener Dulles-Siedlung, ehemals Wohngebiet amerikanischer Soldaten, war in den Jahren 2009 und 2010 Ort des rauschhauses.
© rauschhaus

Das rauschhaus sucht städtebaulichen Leerstand, um diesen für einen begrenzten Zeitraum zu beleben. Nicht nur die Ausstellungskonzeption wird spezifisch mit den vorhandenen Örtlichkeiten entwickelt, auch die Arbeiten der Künstler entstehen ausschließlich für und in Auseinandersetzungen mit den gegebenen Räumlichkeiten. Immer entsteht ein rauschhaus.

© Veronica Astete

 

 

 

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