rauschhaus(2)

Konzept rauschhaus(2)

(Wert-) Werden – ein Ausstellungsexperiment

Künstler-Sein bedeutet  nicht nur stetiges Untersuchen persönlicher Erfahrungswerte, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ideen und konkreter Geschehnisse, sondern auch das Reflektieren des eigenen Verhaltens zu sozialer, politischer und wirtschaftlicher Aktualität.

Arbeit, Leistung, Effizienz sind Begriffe, die in unserer Lebenswelt eine hohe Frequenz aufweisen. Ihnen eigen ist, dass mit ihrer Verwendung Wertigkeit von Menschen und ihrem Tun konstituiert wird. Als Maßstab dieser Wertigkeit, für den einzelnen, als auch für die Gesellschaft, dient das Geld als Geld-Wert, der in seiner Logik immanenten Wert veräußernd ersetzt und somit als objektivierter,  habhaftbarer  (Ersatz-) Wert Wertvorstellungen jenseits monetären Wertes zu dominieren droht.

In Zeiten von Finanzknappheit und Sparzwang wird dort genommen, wo Wertigkeit nicht nach monetären Maßstäben gemessen werden kann: Bildung, Soziales, Kultur, Kunst – Lebensbereiche, die einer Geld-Logik entgegenlaufen, aber zum Wohle ihres Werdens (eben weil ein Anrecht auf finanzielle Förderung weggespart) sich den Strukturen und Mechanismen eines Wirtschaftssystems anheimgeben, das gerade mit der Vereinnahmung seine stärkste Waffe besitzt. Wertigkeit mit Geld-Wert gleichzusetzen birgt die Gefahr, Werte, die auf den ersten Blick jenseits monetärer Wertung liegen, zu Produkten zu machen und somit einer Vereinahmung Vorschub zu leisten.

Man kann sich fragen: Muss sich die Kunst demgegenüber als inkommensurabel positionieren, will sie ihren eigenen Wert formulieren? Einen Wert, der Entgeneralisierung von Kommunikation und Stärkung von Intersubjektivität, der Entstarrung und Systeminkonformität in der Reflexion, der Konfrontation mit Fremdheit und Unbehagen, der Exponiertheit und Verletzlichkeit, schließlich infinites Suchen nach anderem Vokabular bedeutet? Oder verbergen sich in eben jenen Wertbeschreibungen Potenziale, welche Möglichkeiten eröffnen Kunstförderung und -sponsoring aus anderer Perspektive zu betrachten? Vielleicht ist es notwendig eine Position der Inkommensurabilität zu formulieren um andere Strategien finanzieller Unterstützung von Kultur zu denken; eine Unterstützung die nicht nur etwas am Leben erhält, was aus wirtschaftlicher Sicht betrachtet wertlos erscheinen mag, sondern, das diejenigen, die eine Notwendigkeit in der Förderung von Kunst sehen, etwas dafür erhalten, das sie geben.

Die Frage wird sich stellen was das sein kann, was Kunst und Kultur bereitstellen und leisten vermag, jenseits tradierten (und vielleicht überholten) Kulturwertes und jenseits geld-werter Produkte.

Wert-Werden, in Abgrenzung von Geld-Wert-Sein, kann bedeuten den Austausch von Förderung, Sponsoring, Ideen, Reflexion als einen komplexen Prozess zu betrachten, der die Kunst nicht in Abhängigkeit von Unterstützung (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft) denkt, sondern als gleichberechtigtes Bewegen im Geben und Nehmen, jenseits veräußernder monetärer Wert-Logik. Vielleicht liegt, so betrachtet, der Wert der Kunst eben darin, dass sie ein solches Wert-Werden in ihrer Reflexion, Produktion und Repräsentation, nicht nur mitzudenken vermag, sondern immer wieder exemplifiziert.

Das rauschhaus lädt Kulturschaffende aller Gestaltungsbereiche zu einer zweiwöchigen Arbeitsphase mit anschließender Ausstellung ein, in der, unter anderen, folgende Fragen künsterisch und diskursiv reflektiert werden sollen: Was ist der Wert der Kunst? / Liegt ihr Wert im Kunstobjekt, in der ästhetischen Praxis, im Arbeitsprozess, in der Reflexion oder wo sonst? / Was leistet künstlerische Praxis für das Leben und das Soziale und für die Wirtschaft? / Wie kann sich die Kunst vor Vereinnahmung sichern? / Wie kann man als Künstler (über-) leben? / Ist staatliche Förderung von Kulturschaffenden notwendig und gibt es auch andere Möglichkeiten? / Kann Kunst Fluchtlinien aus dem Krisen-Diskurs aufweisen? / Was kann sie, was das Wirtschaftssystem nicht kann und gibt es Möglichkeiten gemeinsamen Werdens? / Hat ästhetische Praxis noch revolutionäres Potenzial? / Kann man überhaupt das Wort Geld aus seinem Vokabular streichen und was passiert unter dieser Voraussetzung mit der Reflexion und der künstlerischen Arbeit? / Dazu Konzeptionelles und Kuratorisches: was stellen wir eigentlich aus und wie?

Da konzeptionelle Konsequenz dem Ausstellungexperiment (Wert-) Werden ein Budget untersagt, erzwingt die alltägliche Praxis der Arbeitsphase, die (Un-) Möglichkeiten des oben umrissenen Wert-Werdens zu erproben, Strategien und Formen von Förderung und Nicht-Förderung, Fragen zum Thema Wert und Geld immer mitzudenken und ästhetisch und konzeptionell zu bearbeiten.

Ziel des Experimentes und Objekt der Ausstellung soll der Wert der Kunst sein; vorrangig in künstlerischer Gestaltung, aber auch in reflexiver Auseinandersetzung. Daher finden während der Arbeitsphase vier öffentliche Diskussionsblöcke zu den Themen Wert, Relevanz + Leistung, Förderung + Sponsoring, Kunstkritik + Kunstmarkt statt, deren Auswertung und Dokumentation auch Bestandteil der Ausstellung sein sollen.

Auszug rauschhaus(2) Film

Der rauschhaus(2) Film dokumentiert zum einen die theoretische Reflexion zum Thema (Wert-) Werden aus der ganz persönlichen Sicht jedes einzelnen Künstlers, zum anderen war er Teil eine Video-Installation, mit der die Besucher des rauschhaus(2) im Eigangsbereich konfrontiert wurden und fungierte anstelle einer Künstlerliste.

Am rauschaus(2) teilgenommen: Veronica Astete-Engel, Julia Blawert, Michael Bloeck, Björn Leó Bryniason, Robert Groos, Michael Grünbeck, Maria Isabel Hagen, Halldór Halldórson, Detlef Hartmann, Matthias Lange, Klaus Mangesius, Frank Menger, Mara Roiter, Volker Ruprich, Gregor von Schenck, Wolf D. Schreiber, Timon Seibel, Jessica Sillah, Claudia Stamm, Evelyn Stapat, Norbert Umsonst, Ana María Velez, Mona Wolf

Eröffnungsvortrag rauschhaus(2)

Eröffnungsvortrag.mp3

„Andrerseits zeigt der ganz gesteigerte ästhetische Genuss dieselbe Form.Auch hier »vergessen wir uns selbst«, aber wir empfinden auch das Kunstwerk nicht mehr als etwas uns Gegenüberstehendes, weil die Seele völlig mit ihm verschmolzen ist, es ebenso in sich eingezogen, wie sie sich ihm hingegeben hat. Hier wie dort wird der psychologische Zustand von dem Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt noch nicht oder nicht mehr berührt, aus seiner unbefangenen Einheit löst erst ein neu einsetzender Bewusstseinsprozess jene Kategorien aus und betrachtet nun erst den reinen Inhaltsgenuss einerseits als den Zustand eines dem Objekt gegenüberstehenden Subjekts, andrerseits als die Wirkung eines von dem Subjekt unabhängigen Objekts.“ (Georg Simmel: Die Philosophie des Geldes)

Der Wert ensteht aus einem Indifferenzzustand der Differenz von Subjekt und Objekt. Die Wertzuschreibung ist immer ein danach; ein Prozess der Subjektwerdung durch Objektbeschreibung – ein Differenzieren. Zuschreibungen die nicht dem Objekte als Eigenschaften anhaften, sondern sich im Entdifferenzieren aus dem Subjekte heraus entwickeln als Aufzählen zum Zwecke des Erfüllens der Wertbeschreibung, die in seiner formalen Infinität als Wert-Werden zu begreifen ist. Ein Werden, das Erfüllbarkeit von Merkmalen unterminiert; niemals fassbar werden will. Immer zugleich Indifferenzzustand und Differenziertheit in Subjekt und Objekt ist. Erst die Asymmetrisierung zu Gunsten der Differenz und folgernd des Objektes trennt selbiges vom Subjekte; stoppt die Infinität von Wertprozessen; macht Wert-Werden zu Wert-Sein. Wert wird Marktwert und Preis.
Die ästhetische Praxis exemplifiziert das Wert-Werden als Spiel mit Indifferenz und Differenz. Das ästethische Subjekt setzt mit Hilfe seines Erlebens Wirklichkeit zusammen in objektiviertem Dargestelltem. Wie der Wert, entsteht das Kunstwerk aus Indifferenzziertheit von Subjekt und Objekt und wird hernach als Objekt gedacht. Erst als Objekt wird es für den Markt verwertbar, beschreibbar. Der Marktwert des Kunstwerkes ensteht, wie der Marktwert an sich, im Ausblenden der Indifferenz von Subjekt und Objekt als Ort seines Entstehens. Sowohl Wert als auch Kunstwert entziehen sich fortlaufend in ihrem Wert-Werden einem Wert-Sein, wobei die Kunst diesen Prozess in jeder seiner Ausprägung exemplifiziert. Das Kunstwerk will nie ganz Objekt sein, wesshalb es sich stets dem Marktwert entziehen will oder diesen in sein Wert-Werden einbezieht. Wert und Kunstwert, im Sinne eines Wert-Werden und Kunst-Werden, stellen in ihrer steten Ungreifbarkeit und Fähigkeit des sich Entziehens Intersubjektivität paradigmatisch dar; ein Wert dessen Erfüllbarkeit als Marktwert, weil nicht am Objekte als Wert haftend, stets unterlaufen werden muss.

 

Dokumentation der Diskussionsabende

© Charlotte Ahrens

Mitschnitte der öffentlichen Diskussionsabende, die zur theoretischen Vorbereitung wärend der Arbeitsphase des rauschhaus(2): Ausstellungsexperiment (Wert-) Werden stattfanden und als Tondokumente Teil der Ausstellung waren.

14.09.2010 Thema: Wert.mp3

© Veronica Astete

Wie entstehen Wertzuschreibungen? Wie werden Werte generiert? Wie defeniert sich der Wert der Kunst im Gegensatz zum Geld-Wert? Wie entsteht Geld-Wert?

Gast: Georg Götz (Professor für Volkswirtschaftslehre, JLU-Gießen)

16.09.2010 Thema: Relevanz + Leistung.mp3

© Veronica Astete

Welche Relevanz hat Kunst? Braucht man Kunst heute überhaupt noch? Was leistet Kunst für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft? Wer rezipiert und wie?

Gäste: Relevanz AG des Exkurs 2010, Festival und Symposium für performing Arts

21.09.2010 Thema: Förderung + Sponsoring.mp3

© Veronica Astete

Welche (staatlichen) Fördermöglichkeiten gibt es? Wie wird Kunst in anderen Ländern unterstützt? Wie funktioniert Sponsoring? Wer hat Interesse am Sponsoring und warum?

Gäste: rauschhaus

23.09.2010 Thema: Kunstkritik + Kunstmarkt.mp3

© Veronica Astete

Wie wird Kunstwert im Kunstmarkt als Geld-Wert definiert? Welche Beteiligung daran hat die Kunstkritik? Wie funktioniert der Kunstmarkt?

Gäste: Dr. Michele Sciurba, Laura Heil (Galerie Art Virus Ltd., Frankfurt/Main)

Die Tondokumente sollen die Diskussionsabende in ihrer Polyphonie und Zirkularität wiedergeben.

Ausstellungszeiten rauschhaus (2)

Ausstellungsexperiment
(Wert-)
Werden

Lincolnstraße 7,
Dulles-Siedlung,
Gießen

Freitag 01.10.2010:
18 Uhr
Eröffnung
19 Uhr
Eröffnungsvortrag

Samstag 02.10.2010: 15 – 21 Uhr Ausstellung geöffnet
Sonntag 03.10.2010: 12 Uhr Finissage + Matinée mit Musik

Zeitplan rauschhaus(2): (Wert-) Werden

Hier gibt es den Zeitplan für alle Termine wärend der Arbeitsphase des rauschhaus(2).

(Änderungen sind möglich, daher wird der Zeitplan laufend aktualisiert).

Termine für Diskussionsabende

Die öffentlichen Diskussionsabende sollen zumeinen Orte einer theoretischen Auseinandersetzung sein, an der verschiedene Gäste als Experten teilnehmen, zum anderen sollen auch künstlerische Projekte, die am rauschhaus(2) partizipieren, vorgestellt und diskutiert werden. Dabei soll die zwanglose Kommunikation, die nicht vor persönlichen Erfahrungswerten und subjektiven Ansichten zurückschreckt, im Vordergrund stehen. Wichtig soll sein, neben der praktischen Arbeit einen Rahmen des gedanklichen Austausches zu schaffen, der wiederum als Inspiration und kuratorisches Prinzip Eingang in die künstlerische Praxis finden soll.

14.09.2010 Thema: Wert

Wie entstehen Wertzuschreibungen? Wie werden Werte generiert? Wie defeniert sich der Wert der Kunst im Gegensatz zum Geld-Wert? Wie entsteht Geld-Wert?

Gast: Georg Götz (Professor für Volkswirtschaftslehre, JLU-Gießen)

16.09.2010 Thema: Relevanz + Leistung

Welche Relevanz hat Kunst? Braucht man Kunst heute überhaupt noch? Was leistet Kunst für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft? Wer rezipiert und wie?

Gäste: Relevanz AG des Exkurses

21.09.2010 Thema: Förderung + Sponsoring

Welche (staatlichen) Fördermöglichkeiten gibt es? Wie wird Kunst in anderen Ländern unterstützt? Wie funktioniert Sponsoring? Wer hat Interesse am Sponsoring und warum?

23.09.2010 Thema: Kunstkritik + Kunstmarkt

Wie wird Kunstwert im Kunstmarkt als Geld-Wert definiert? Welche Beteiligung daran hat die Kunstkritik? Wie funktioniert der Kunstmarkt?

Gast: Michele Sciurba (Galerie Art Virus Ltd., Frankfurt/Main)

Zu den öffentlichen Diskussionsabenden sind alle Interesierten herzliche eingeladen daran aktiv teilzuhaben. Beginn ist jeweils 19.30 Uhr in der Lincolnstraße 7, Dulles-Siedlung, Gießen.

© Christian Fleißner

Austellungexperiment (Wert-) Werden

Arbeitsphase: 13.- 30. September 2010
Ausstellung: 1.-3. Oktober 2010

Künstler-Sein bedeutet nicht nur stetiges Untersuchen persönlicher Erfahrungswerte, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ideen und konkreter Geschehnisse, sondern auch das Reflektieren des eigenen Verhaltens zu sozialer, politischer und wirtschaftlicher Aktualität.

Wie positionieren wir uns? Was ist der politische Wert? Was ist Geld-Wert? Was ist der Wert der Kunst?
In Zeiten von Finanzknappheit und Sparzwang wird dort genommen, wo Wertigkeit nicht nach monetären Maßstäben gemessen werden kann: Bildung, Soziales, Kultur, Kunst – Lebensbereiche, die einer Geld-Logik entgegenlaufen, aber zum Wohle ihres Werdens (eben weil ein Anrecht auf finanzielle Förderung weggespart) sich den Strukturen und Mechanismen eines Wirtschaftssystems anheimgeben, das gerade mit der Vereinnahmung seine stärkste Waffe besitzt. Wertigkeit wird Geld-Wert und damit Produkt für die Wachstumsmaschinerie.
Dem gegenüber muss sich die Kunst als inkommensurabel positionieren will sie ihren eigen Wert formulieren – Wert-Werden, Selbst-Wert der Stärke, nicht des Bittstellers, um jenseits monetärer Zwänge wieder attraktiv für Förderung zu werden.

Was ist der Wert der Kunst? Liegt ihr Wert im Kunstobjekt, in der ästhetischen Praxis, im Arbeitsprozess, in der Reflexion oder wo sonst? Hat ästhetische Praxis noch revolutionäres Potenzial?

Dieser Aufruf richtet sich nicht nur an Kunstschaffende aller Gestaltungsbereiche, die einen Ausstellungsort suchen, sondern die auch organisatorische und reflexive Mitverantwortung für das Gelingen des Ganzen zeigen.
Die Arbeitsphase findet vom 13. – 30. September 2010 in der Dulles-Siedlung, Gießen statt mit anschließender Ausstellung ebendort vom 01. – 03. Oktober 2010.
Da wir für Arbeitsphase, wie für Ausstellung über ein ganzes Haus verfügen, besteht die Möglichkeit dort für den Zeitraum, wenn nicht Unterkunft (was jederzeit möglich ist), so doch immer offene Türen zu finden und Raum genug für künstlerische Arbeit und gedanklichen Austausch.

Das diesjährige rauschhaus kooperiert mit dem EXKURS 2010 – Werden Zwischen Sein

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